Projekt-Erfahrungsbericht von Wolfgang Dietrich (Annaberg-Buchholz):

 

Beobachtungen und Eindrücke eines Teilnehmers

Ein wichtiges Anliegen des Projektes ist die Öffentlichkeitsarbeit. Jeder interessierte Bürger hatte die Möglichkeit Veranstaltungen zu besuchen. Ich nahm an der Auftaktveranstaltung im Naturschutzzentrum „Erzgebirge“, einigen Exkursionen, den beiden Geo-Tagen der Artenvielfalt und an Spezialistentreffen teil und möchte über einige interessante Beobachtungen sowie über meine Eindrücke berichten. 

  

Im ersten Jahr des Projektes beteiligte ich mich an den Exkursionen nach Orasín am 20. Mai und auf die „Salzwiesen“ bei Horní Halže am 14. Juni. Die Exkursion auf die Wiesen bei Orasín galt in erster Linie verschiedenen Wiesengesellschaften. So wurden den Teilnehmern Breitblättriges Knabenkraut (Dactylorhiza majalis), Fieberklee (Meyanthes trifoliata) und Bärwurz (Meum athamanticum) vorgestellt. Aber mein Interesse galt nicht nur den Pflanzen, sondern auch den Insekten und Pilzen. So entdeckte ich u.a. folgende Arten: Aurorafalter (Anthocharis cardamines), Braunfleckiger Scheckenfalter (Boloria selene), Kleines Wiesenvögelchen (Coenonympha pamphilus), Raupe des Braunen Bären (Arctia caja) und Raupennester des Kleinen Fuchses (Aglais urticae), den für die montane Region typischen Blattkäfer Oreina speciosissima an Blättern des Fuchsschen Kreuzkrautes (Senecio ovatus) fressend und den Rostpilz Puccinia sessilis auf Quirlblättriger Weißwurz (Polygonatum verticillatum). Knapp vier Wochen später besuchten wir am 14. Juni die ausgedehnten Wiesen zwischen Kovářská und Horní Halže. Zunächst war mir unklar, warum sie als „Salzwiesen“  bezeichnet werden. Herr Čestmír Ondráček klärte uns auf. Auf einigen Wiesen werden „Salzlecksteine“ für das Rotwild ausgelegt. Über die Jahre ist lokal so viel Salz inden Boden gelangt, dass inzwischen tatsächlich mit dem Salzschwaden (Pucciniella distans) der erste Halophyt vorkommt. Das Mosaik aus Bergwiesen und kleinflächigen Niedermooren ist sehr artenreich. So finden sich dort große Bestände der Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale), lokal  Fettkraut (Pinguicula vulgaris), Sumpfherzblatt (Parnassia palustris) und Katzenpfötchen (Anntenaria dioca). Ich notierte eine Vielzahl von Insekten und Pilzen, u.a. Baumweißling (Aporia crataegi), Rundaugen-Mohrenfalter (Erebia medusa), Rotklee-Bläuling (Polyommatus semiargus), Ziest-Silbereule (Autographa pulchrina), Schwarzspanner (Odezia atrata), Trauer-Rosenkäfer (Oxythyrea funesta) und Storchschnabel-Rüssler (Zacladus geranii) in den Blüten vom Wald-Storchschnabel (Geranium sylvaticum). Die blühenden Pflanzen des Wiesenknöterichs (Bistorta officinalis) lockten Wachtelweizen-Scheckenfalter (Melithaea athalia) und Grünwidderchen (Adscita statices) an. Nach einem heftigen Regenguss zeigten sich leider keine Schmetterlinge mehr. Ein Einzelexemplar eines mir zunächst unbekannten, weißlich gefärbten Blätterpilzes erwies sich als Steifstieliger Weichritterling (Melanoleuca evenosa). Dies ist mein bisher einziger Fund dieser Art.

 

Die Auftaktexkursion 2012 führte uns am 03. Mai zu einem Standort mit Holunder-Knabenkraut (Dactylorhiza sambucina) bei Louchov. Die prächtig gelb und rot blühenden Exemplare gehörten zum beliebtesten Fotomotiv der wieder zahlreichen Exkursionsteilnehmer. Neben dieser im sächsischen Teil des Erzgebirges schon seit einigen Jahrzehnten ausgestorbenen Orchideenart entdeckte ich weitere im Erzgebirge nur lokal vorkommende Pflanzenarten, so Frühlings-Segge (Carex caryophyllea), Körnchen-Steinbrech (Saxifraga granulata), Pechnelke (Lychnis viscaria), Färber-Ginster (Genista tinctoria) und Berg-Platterbse (Lathyrus linifolius). Unweit der Ortschaft Louchov wuchs der Gute Heinrich (Chenopodium bonus-henricus), eine typische, heute immer seltener werdende Dorfpflanze, die früher als Gemüse genutzt wurde und deshalb auch unter den Namen Wilder Spinat bekannt ist. An diesem Nachmittag war es überwiegend stark bewölkt, die Sonne zeigte sich nur für kurze Momente, sodass ich nur zwei Tagfalterarten sichtete: einen männlichen Aurorafalter (Anthocharis cardamines) und wenige Exemplare des Schmalflügel Weißlings (Leptidea reali). An einem Fruchtkörper eines Austernseitlings (Pleurotes ostreatus) entdeckte ich zusammen mit Herrn Joachim Melzer ein Exemplar des Pilzkäfers Dacne bipustulata. Auf einem Blütenkorb einer Pflanze des Löwenzahns verspeisten Trockenrasen-Marienkäfer (Coccinula quatuordecimpustulata) Pollen. Im Frühjahr ernähren sich einige Marienkäferarten in Ermangelung an Blattläusen von Pollen. Diese Marienkäfer-Art sah ich auf der sächsischen Seite des Erzgebirges noch nicht. Am 31. Mai trafen sich Jugendliche aus Tschechien mit Botanikern, Ornithologen und Entomologen zum Geo-Tag der Artenvielfalt auf dem Gelände des Naturschutzzentrums „Erzgebirge“ und untersuchten zwei Streuobstwiesen auf ihre Artenvielfalt. Aus der Vielzahl der festgestellten Arten nenne ich stellvertretend einige Käfer- und Schmetterlingsarten: Haselnussbohrer (Curculio nucum), Schwarzer Lappenrüssler (Otiorhynchus morio), Zweifleckiger Zipfelkäfer (Malachius bipustulatus, Goldene Acht (Colias hyale), Rostfarbiger Dickkopffalter (Ochlodes venatus), Kleines Wiesenvögelchen (Coenonympha pamphilus) und Schwarzader-Weißspanner (Siona lineata). Im Internet können die vollständigen Artenlisten aufgerufen werden. Eine Raupe konnte ich zunächst nicht bestimmen. Erst einige Monate später gelang mir mit Hilfe von Fotos, die ich zum Glück von dieser Raupe gemacht hatte, die Bestimmung. Das Ergebnis überraschte mich. Es handelte sich um eine Raupe des Zwerg-Bläulings (Cupido minimus). Da auf dieser Streuobstwiese kein Wundklee (Anthyllis vulneraria) wächst, kommt als Raupenfutter nur der Gemeine Hornklee (Lotus corniculatus) in Frage. Am 04. September führte die Exkursion bei sonnigem Wetter vom Parkplatz unterhalb der Orgelpfeifen zum Mittleren Rundgang bis zu einem artenreichen Buchenwald am Osthang des Pöhlberges. Den ca. 50 tschechischen und deutschen Gästen konnten Süßdolde (Myrrhis odorata), große Bestände des Ausdauernden Silberblattes (Lunaria rediviva), Sanikel (Sanicula europaea) und Christophskraut (Actaea spicatata) vorgestellt werden. Die stark nach Anis riechende Süßdolde ist ein Kulturrelikt aus der Zeit des Silberbergbaues. Sie wurde damals in Gärten kultiviert und wurde zum Würzen und zur Likörherstellung verwendet.

 

Am 07. Mai 2013 führte uns Herr Ondráček zu einem weiteren Standort des Holunder-Knabenkrautes am Südabfall des Erzgebirges. Auf einer artenreichen Bergweide bei der Ortschaft Srní blühten ca. 300 Pflanzen dieser seltenen Orchidee. Unter den  gelb und rot blühenden Pflanzen entdeckten wir auch einzelne Pflanzen mit rosa Blüten. Diese Blütenfarbe habe ich zum ersten Mal beim Holunder-Knabenkraut gesehen. Auf dieser kurzrasigen mageren Bergweide blühten weiterhin die Frühlings-Segge (Carex caryophyllea) und Zypressen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias). Interessant für mich war das Vorkommen von zwei Bovist-Arten auf dieser Magerweide: Schwärzender Bovist (Bovista nigrescens) und Kleiner Bovist (Bovista pusilla). Infolge der Nässe und den relativ niedrigen Temperaturen entdeckte ich nur wenige Insekten. Immerhin konnte ich auf der Magerweide einen Wolfsmilchspanner (Minoa murinata) und am Rainfarn (Tanacetum vulgare) einen Rainfarn-Schildkäfer (Cassida stigmatica) beobachten und unweit der Ortschaft Srní bei ca. 800 m NN am Winter-Stielporling (Polyporus brumalis) und Bewimperten Stielporling (Polyporus ciliatus) einige Exemplare des Rotfleckigen Faulholzkäfers (Tritoma bipustulata) aus der Gilde der Pilzkäfer. Die offensichtlich „hungrigen“ Käfer fraßen an den beiden Porlingen. Auf dem Weg zum Orchideenstandort zeigte uns Herr Dr. Jiří Roth große Fruchtkörper des Glänzenden Lackporlings (Ganoderma lucidum) am Fuße einer Buche (Fagus sylvatica) und auf dem Rückweg in Richtung der Ortschaft Srní fand ich an einem Stumpf des Spitzahorns (Acer platanoides) den Aschgrauen Wirrling (Cerrena unicolor). Während der Exkursion hörte ich mehrmals Kuckuck und Grünspecht rufen. Der Geo-Tag der Artenvielfalt fand diesmal im Zoopark Chomutov statt. Am 12. Juni erfassten Schüler, Gäste und Spezialisten Pflanzen, Pilze, Vögel und verschiedene Gruppen von Wirbellosen im Kastanienhain und an einem Teich incl. Umgebung. Besonders interessante Nachweise aus meiner Sicht waren der Kurzdeckenbock (Stenopterus rufus), Trauer-Rosenkäfer (Oxythyrea funesta) und die Gallen der Gallwespe Liposthenes glechomae an Gundermann (Glechoma hederacea). Eine Raupe des Ringelspinners (Malacosoma neustria) fraß an einem Laubblatt einer Wilden Rose (Rosa spec.). Listen aller am Geo-Tag im Zoopark Chomutov nachgewiesenen Arten finden sich im Internet. Selbst die Exkursion am 5. November zur Schilf- und Schlauderwiese bei Oberwiesenthal bescherten mir trotz leichten Schneefalls noch bemerkenswerte Funde, so den Rostpilz Puccinia traillii auf Schilfgras (Phragmites communis) und die Kleinwarzige Hirschtrüffel (Elaphomyces granulatus) auf der Schilfwiese sowie die gallertigen Fruchtkörper des Rotbraunen Zitterlings (Tremella foliacea) an einer abgestorbenen Eberesche (Sorbus acuparia) auf der Schlauderwiese. Unterhalb der Schilfwiese hörte ich einen Tannenhäher rufen.

 

Genauso wertvoll wie die zahlreichen Naturbeobachtungen waren für mich die Begegnungen mit tschechischen und deutschen Naturfreunden. Was motiviert eigentlich Menschen an diesen Exkursionen teilzunehmen? Ich denke, es ist die Liebe zur heimatlichen Natur, das Bedürfnis Neues kennenzulernen, sich an der Natur zu erfreuen, sie sinnlich zu erschließen und zu erleben, sei es die Farbenpracht der Blüten und Schmetterlinge, der Duft von Bärwürz und Süßdolde, der melodischen Gesang von Singdrossel, Amsel und Buchfink oder das Rauschen des Waldes und der Quellbäche. Bleibt zu hoffen, dass wir uns im neu gegründeten „Verein der Freunde zur Förderung der biologischen Vielfalt im Erzgebirge – Krušné hory – Pestrý-Bunt e. V.“  weiterhin beiderseits der Grenze begegnen und dass durch Folge-Projekte die Maßnahmen im  Bereich der Schilf- und Schlauderwiese im Naturschutzgebiet „Fichtelberg“ in die Tat umgesetzt und im Naturschutzgebiet „Rauschenbachtal" weitergeführt werden können.

 

Wolfgang Dietrich, Botaniker, Entomologe, Mykologe

Kreisnaturschutzbeauftragter Erzgebirgskreis

Projekt-Erfahrungsbericht von Čestmír Ondráček (Chomutov):

 

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden auf der tschechischen und deutschen Seite allmählich Kontakte unter Experten, Naturschützern und Naturbegeisterten geknüpft. Es wurde nach Möglichkeiten für die Zusammenarbeit gesucht. Zuerst handelte es sich nur um einzelne und sporadische Veranstaltungen, oft nur für einige wenige Experten bestimmt.   

Zu den Anfängen zählen ein paar gemeinsame Publikationen, Konferenzen, Seminare oder Vorträge. Der Schwerpunkt der Zusammenarbeit zwischen tschechischen und deutschen Naturschützern und Naturinteressierten liegt aber im Organisieren von gemeinsamen Exkursionen.

Zu regelmäßigen gemeinsamen Exkursionen kam es im Ziel 3-Projekt „Pestrý-Bunt“. Die Exkursionen führten uns in FFH-Gebiete, Naturschutzgebiete, an Standorte mit dem Vorkommen von seltenen Tier- und Pflanzenarten, an landschaftlich interessante Standorte usw. Im Rahmen des Projektes wurden 2-3 Stunden lange Exkursionen veranstaltet, die am Nachmittag an den Werktagen stattfanden.

Zum wichtigen Merkmal der gemeinsamen Exkursionen wurde ein intensiver Erfahrungsaustausch, sei es bei der Pflanzenbestimmung oder bei Diskussionen zum Schutz von Biotopen. Gleichzeitig kam es zum Austausch von Fachliteratur und von Angaben zum Vorkommen von Arten. Von Bedeutung sind aber vor allem die angeknüpften freundschaftliche und berufliche Kontakte.

Von Anfang an nahmen an den Projektexkursionen nicht nur Experten teil, sie wurden für die breite Öffentlichkeit, Schüler, Lehrer u.a. bestimmt. Das große Interesse an den Exkursionen hat mich immer überrascht. Die Teilnehmer wurden immer mehr. Bei einigen Exkursionen musste die Teilnehmerzahl sogar eingeschränkt werden. Nicht einmal das schlechte Wetter (in den Bergen nicht so untypisch) Kälte, Regen oder Gewitter hat die Teilnehmer abgeschreckt. Bei den Exkursionen muss man auch die Bereitschaft und Kompetenz der Übersetzer loben, die zur guten Stimmung und Überwindung von Sprachbarrieren maßgeblich beigetragen haben.   

Sehr erfreulich ist, dass sich anhand der im Projekt angeknüpften Kontakte die tschechischen und deutschen Naturbegeisterten je nach ihren Interessen und Fachrichtung auch bei anderen Veranstaltungen treffen.

Im Laufe der drei Jahre haben wir nur einige von den interessanten Standorten besucht und deswegen hoffe ich auf Folgeprojekte, die uns helfen, die schöne erzgebirgische Landschaft auf beiden Seiten der Grenze kennenzulernen, schützen, näher zu bringen und vorzustellen.   

Von großer Bedeutung waren im Projekt auch die Maßnahmen zum „Rückkehr willkommen“. Neben dem Hauptziel, der Übertragung des Mahdguts mit Samen von Holunder-Knabenkraut auf die deutsche Gebirgsseite, ist es gelungen, das Interesse am aktiven Schutz dieser Orchideenart auf der tschechischen Seite wieder zu beleben. Das Ergebnis der konkreten Maßnahmen, wie die Mahd auf der Wiese in Kamenné und die Übertragung der gemähten Biomasse auf die deutsche Seite des Erzgebirges, wird erst in den nächsten Jahren zu sehen sein.

 

Čestmír Ondráček

Botaniker, Regionalmuseum in Chomutov

Vorsitzender der Nordböhmischen Arbeitsgemeinschaft der Tschechischen Botanischen Gesellschaft

Arnika
Arnika
Schwarzspecht, Datel černý
Schwarzspecht, Datel černý
Holunder-Knabenkraut, Prstnatec bezový
Holunder-Knabenkraut, Prstnatec bezový